#158– „Das ist unfair!“ — Geschwisterkonflikte mit ADHS & Autismus bindungsstark begleiten
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Weitere Informationen 'Geschwisterkonflikte mit neurodivergenten Kindern – Halt statt Harmonie-Druck
Chaos, Herz & Wachstum
Wenn dein Kind dieses Jahr eingeschult wird, findest du im August wieder einen Themenabend zu „Trennungssensible Kinder im Übergang begleiten“ sowie den Vertiefungsworkshop Bindungsstarke Schulzeit.
Ich hatte diesen kleinen Kopf. Dieses zarte Baby auf dem Arm, das ich so gerne geküsst habe.
Und immer wieder kam dieser Dino-Schleichtier auf genau diesen Kopf geknallt. Nicht von irgendjemandem. Von meinem größeren Kind.
Jeder Mutterinstinkt in mir schrie auf. Mein Baby wurde gehauen. Immer und immer wieder.
Wenn du mehrere Kinder hast, kennst du dieses Gefühl vielleicht. Und wenn Neurodivergenz bei euch eine Rolle spielt, wird dieses Gefühl wahrscheinlich noch intensiver. Eskalationen häufiger. Und die Frage drängt sich auf: Was mache ich falsch?
Die Schnapsidee, die mich lange begleitet hat
Ich hatte lange diesen Gedanken: Wenn ich als Mama alles richtig mache, dann streiten sie sich nicht mehr.
Jedes Mal, wenn der Dinosaurier wieder flog, wenn es wieder ein Geschubse gab, machte sich diese Schleife in mir breit: Ich habe es wieder nicht gut genug gemacht.
Eine scheißschwere Spirale.
Was mir damals wirklich geholfen hat: eine Studie, die zeigt, dass Geschwister sich im Schnitt alle acht bis neun Minuten streiten. Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern mit zwei bis drei Jahren Abstand ist der Peak sogar noch höher.
Plötzlich war da Raum. Wir lagen unter dem Durchschnitt. Und dieser eine Fakt hat mir wahnsinnig viel Druck aus dem System genommen.
Geschwisterkonflikte gehören dazu. Das ist keine Folge von Erziehungsversagen.
Die Beziehung zwischen deinen Kindern hast du nicht in der Hand
Hier kommt ein Satz, der vielleicht erst mal weh tut – und gleichzeitig befreit:
Deine Kinder müssen sich nicht lieben. Nicht dir zuliebe. Nicht wegen eines Idealbilds, das du im Kopf hast.
Sie sind individuelle Menschen. Die Geschwisterbeziehung ist zwar die längste Beziehung, die durch ihr Leben geht – aber sie dürfen sie selbst gestalten. Gib ihnen nicht den Rucksack, dass sie sich lieben müssen.
Was wir tun können, ist: ein gutes Miteinander ermöglichen. Aber Liebe lässt sich nicht verordnen.
Entwicklungsgerecht statt altersgerecht
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Folge: Neurodivergente Kinder brauchen im emotionalen Bereich oft etwa dreißig Prozent länger, um Regulation und Steuerung zu lernen.
Das bedeutet: Wenn dein jüngeres Kind in manchen Bereichen schon weiter ist als das ältere neurodivergente Kind – das ist normal. Und Sätze wie „Dein kleiner Bruder kann das schon“ oder „Du bist doch der Ältere“ gießen nur Öl ins Feuer.
Begleite deine Kinder entwicklungsgerecht. Nicht altersgerecht.
Das Pizza-Bild
Stell dir vor, du hast drei Kinder und machst drei Pizzen – jedem eine, ganz gerecht. Ein Kind wäre vielleicht zufrieden. Ein Kind würde fast platzen. Und ein Kind würde fragen, wann die Vorspeise kommt, weil eine Pizza niemals reicht.
Gleich behandeln ist nicht gerecht. Gerecht bedeutet, zu schauen, was jedes einzelne Kind wirklich braucht.
Täter-Opfer-Denken loslassen
Ein zentraler Gedanke aus dieser Folge: Wenn ein Kind schubst und das andere geschubst wird, ist beiden etwas passiert.
Der schubsende Teil tut das nicht aus Bosheit. Sondern weil ihm gerade keine bessere Strategie zur Verfügung steht. Vielleicht ist die Schule heute anstrengend gewesen. Vielleicht ist der Reizrucksack einfach voll.
Statt „Hör auf, deinen Bruder zu ärgern!“ hilft eher: „Ich sehe, dass die Schule heute anstrengend für dich war. Deine Schwester kann nichts dafür. Ich kümmere mich jetzt mit dir darum.“
Und zum anderen Kind: „Das hat gerade nichts mit dir zu tun. Du hast nichts falsch gemacht.“
So entsteht keine Strafe, sondern Führung – und das Kind kann mit der Zeit bessere Strategien lernen.
Die Streitautobahn erkennen
Neurodivergente Kinder eskalieren oft schneller und intensiver – das hat mit ihrer Reizverarbeitung zu tun. Ein hilfreiches Bild dafür: die Streitautobahn.
Wenn du auf der Autobahn zu schnell fährst, kannst du nicht mehr abrupt stoppen. Die Dynamik nimmt Fahrt auf, bis es knallt.
Deshalb lohnt es sich, rechtzeitig nachzufragen: „Passt das gerade noch für euch?“ Bevor das Fass überläuft, nicht erst danach.
Wenn ein Meltdown passiert – und Geschwister mitbekommen
Eine besondere Herausforderung: Was passiert mit dem Geschwisterkind, wenn ein Kind im Meltdown ist?
In der ersten Phase eines Meltdowns braucht das betroffene Kind oft keine aktive Ansprache mehr – es ist in sich gefangen. Das ist der Moment, in dem du das andere Kind in Sicherheit bringen kannst: „Dein Bruder braucht mich gerade. Du bist hier sicher. Es kann laut werden, aber ich bin da.“
Wichtig dabei: Vermeide Erklärungen, die das Geschwisterkind in eine Rolle drängen. Lass auch seine Gefühle einfach da sein – Angst, Wut, Verwirrung. Alles darf sein.
Achtung vor unbewussten Schlussfolgerungen
Manchmal beginnt das vermeintlich neurotypische Geschwisterkind, ähnliche Reaktionen zu zeigen wie das neurodivergente Geschwister. Schnell entsteht der Gedanke: Es kopiert das Verhalten.
Doch Vorsicht: Neurodivergenz hat eine starke genetische Komponente. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich in Familien nach und nach zeigt, dass mehrere Kinder betroffen sind. Manchmal tritt einfach erst ein Kind sichtbar in den Vordergrund – und sobald es ruhiger wird, zeigt sich ein anderes.
Das ist kein Nachahmen. Das ist eigene, ernstzunehmende Erfahrung.
Was wirklich in unserer Hand liegt
Wir können die Beziehung zwischen unseren Kindern nicht steuern. Was wir steuern können, ist unsere eigene Beziehung zu jedem einzelnen Kind.
Das bedeutet: Jedes Kind so sehen, wie es ist – nicht im Vergleich zum Geschwister. Individuelle Regeln zulassen, auch wenn das „unfair“ klingt. Und den Kindern helfen, gegenseitig Grenzen zu wahren – denn Nähe entsteht genau dort, wo Grenzen respektiert werden.
Der Impuls für dich
Das nächste Mal, wenn deine Kinder in Wallung geraten, probiere diesen einen Satz: „Kann ich euch helfen?“
Nicht: „Wer war’s?“ Nicht: „Müsst ihr schon wieder?“
Ich kenne das selbst sehr gut – die Treppe hochsteigen, während oben schon wieder Geschrei zu hören ist. Der Moment auf der Treppe kann zur Regulation werden. Eine bewusste Entscheidung: Meine Kinder brauchen jetzt meine Unterstützung – nicht meinen Frust.
Das Wichtigste zum Mitnehmen
- Geschwisterstreit ist normal – auch bei neurotypischen Familien, häufig sogar mehrmals pro Stunde.
- Deine Kinder müssen sich nicht lieben. Das ist nicht dein Job – und nicht ihre Pflicht.
- Entwicklungsgerecht statt altersgerecht – neurodivergente Kinder brauchen oft mehr Zeit für emotionale Regulation.
- Beiden Kindern ist etwas passiert – lass das Täter-Opfer-Denken los.
- Erkenne die Streitautobahn – frag rechtzeitig nach, bevor es eskaliert.
- Bei Meltdowns: Sicherheit für das Geschwisterkind schaffen, ohne das betroffene Kind zu beschämen.
- Du steuerst die Beziehung zu jedem Kind – nicht die Beziehung der Kinder zueinander.
Wenn dein Kind dieses Jahr eingeschult wird, findest du im August wieder einen Themenabend zu „Trennungssensible Kinder im Übergang begleiten“ sowie den Vertiefungsworkshop Bindungsstarke Schulzeit.
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