#162 – ADHS Ein Erziehungsfehler? Von der Schuld in die Verantwortung

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Bin ich schuld am ADHS meines Kindes? – Von der Schuld in die Verantwortung

Chaos, Herz & Wachstum 


Ich erinnere mich noch an diesen Moment. Im Auto, auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Meine Mutter war gerade gestorben. Es war der zweite Kindergarten, der nicht funktioniert hatte. Und ich habe so geweint.

Was mache ich falsch? Was haben wir falsch gemacht?

Diese Frage stellen sich so viele Eltern. Mit einem schweren Stein im Bauch. Oft still, oft allein. Und oft wird sie von außen noch verstärkt – durch gut gemeinte Ratschläge, durch Sätze wie „Du musst nur klarer sein“ oder „Wenn du mehr Grenzen setzen würdest.“

Diese Folge ist für alle, die sich diese Frage stellen. Und für alle, die bereit sind, den Weg von der Schuld in die Verantwortung zu gehen.

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Was die Wissenschaft sagt

Achtzig Prozent. So hoch ist der genetische Anteil bei ADHS.

Das ist keine Meinung, das ist Studienlage. Es kommen unterschiedliche Genvarianten auf die Welt, die beeinflussen, wie Dopamin im synaptischen Spalt verarbeitet wird. Ein anderes Nervensystem. Eine andere Reizwahrnehmung. Nicht weil du etwas falsch gemacht hast. Sondern weil dieses Kind so auf die Welt gekommen ist.

Das gilt genauso für Autismus, Hochsensibilität und Gefühlsstärke.

Du bist nicht schuld am ADHS deines Kindes. So wirksam bist du gar nicht.


Warum wir trotzdem so tief in der Schuld stecken

Hier kommt etwas, das vielleicht wehtut – aber wichtig ist.

Diese Schuldfrage stellen sich deutlich mehr Frauen als Männer. Nicht weil Mütter mehr falsch machen. Sondern weil Sorgearbeit, emotionale Arbeit und Erziehungsverantwortung in unserer Gesellschaft immer noch als weibliche Aufgabe gelten. Weil Psychologie und Fachliteratur jahrzehntelang der Mutter die Schuld gegeben haben, wenn Kinder Schwierigkeiten hatten – und kaum über emotional abwesende Väter gesprochen haben.

Das ist kein persönliches Versagen. Das ist Patriarchat. Das ist ein Schuldpaket, das wir oft annehmen, obwohl es nicht uns gehört.

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Das Bild, das hilft

Stell dir eine Sonnenblume vor. Eine besondere Sonnenblume – eine, der direkte Sonneneinstrahlung nicht guttut. Wir wissen das nicht sofort, weil wir gelernt haben: Sonnenblumen brauchen Sonne.

Also stellen wir sie in die Sonne. Wir meinen es gut. Und sie geht ein.

Das ist nicht unsere Schuld. Wir haben getan, was wir für richtig hielten.

Aber jetzt liegt es in unserer Verantwortung: Diese Sonnenblume kennenzulernen. Zu verstehen, was sie wirklich braucht. Ihr den Schattenplatz zu geben, in dem sie gedeihen kann. Die Erde zu düngen, ihr Wasser zu geben, in ihrem eigenen Rhythmus.

Genau das ist der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung.


Was Schuld mit uns macht

Schuld kann uns kurz helfen, unsere Werte zu erkennen. Aber wenn sie generalisiert wird, wenn sie über alles drübergeschmissen wird, macht sie uns handlungsunfähig.

Wenn wir explodieren, reißen wir uns am nächsten Tag noch mehr zusammen. Noch mehr Anstrengung, noch weniger Verbindung zu uns selbst. Und dann explodieren wir intensiver. Oder wir frieren ein – present, aber nicht wirklich da.

Diese Spirale kennen viele Familien. Und sie hilft niemandem.

Raus aus der Schuld, rein in die Verantwortung. Das ist der einzige Weg, der wirklich trägt.


Warum wir auch uns selbst in den Blick nehmen dürfen

Hier liegt noch etwas Wichtiges: ADHS ist hochgradig vererbbar.

Wenn ein Elternteil ADHS hat, ist die Wahrscheinlichkeit zwanzig bis dreißig Prozent, dass das Kind es auch hat. Wenn beide Elternteile betroffen sind, steigt sie auf neunzig Prozent.

Und gerade wir – besonders Frauen – haben oft starke Kompensationsstrategien aufgebaut. Viel Fleiß, viel Anstrengung, viel Kontrolle. Solange keine Kinder da waren, hat das irgendwie funktioniert. Und dann kommt das Kind. Und plötzlich nichts mehr.

Nicht weil du versagst. Sondern weil dein eigenes Nervensystem gerade an seine Grenzen kommt.

Manchmal ist der Weg in die Verantwortung auch der Weg, sich selbst besser kennenzulernen.


Was wirklich einen Unterschied macht

Die Forschung zeigt: Wie wir unsere neurodivergenten Kinder begleiten, macht einen gravierenden Unterschied. Der Stresspegel, die Struktur, die Reizregulation – all das beeinflusst, wie stark Symptome sich zeigen und wie gut Kinder in der Welt zurechtkommen.

Das sind die drei wirksamsten Faktoren bei ADHS laut Forschung: Medikamente, Sport und Bewegung – und Elterntraining.

Wir haben Wirksamkeit. Echte, große Wirksamkeit. Und die fängt damit an, unser Kind wirklich zu verstehen.


Ein kleiner Schritt, den du heute noch machen kannst

Wenn Situationen immer wieder eskalieren – zum Beispiel jeden Abend beim Essen – dann ist das kein Zeichen dafür, dass dein Kind schwierig ist. Es ist ein Zeichen, dass der Reizrucksack voll ist.

Und wenn du abends selbst nicht mehr kannst: Dann erwartest du gerade von deinem Kind, das noch viel weniger Regulation gelernt hat als du, dass es sich besser reguliert als du.

Das ist keine Schuld. Das ist ein Hinweis. Ein Hinweis, die Struktur zu verändern, bevor es knallt.

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Das Wichtigste zum Mitnehmen

Du bist nicht schuld am ADHS deines Kindes. Achtzig Prozent sind Genetik.

Schuld ist kein Werkzeug. Sie verhindert, dass wir im Hier und Jetzt handlungsfähig bleiben.

Verantwortung hingegen ist kraftvoll. Sie bedeutet: hinschauen, verstehen, gestalten.

Neurodivergenz bei Kindern geht oft mit neurodivergenten Eltern einher. Auch das darfst du anschauen – ohne Scham.

Was von außen als Schuldzuweisung kommt, ist meistens Unwissenheit. Lass dir das Schuldpaket nicht aufdrücken.

Du hast eine große Wirksamkeit. Wie du dein Kind begleitest, macht einen echten Unterschied.


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Chaos, Herz & Wachstum – der Familienpodcast rund um die Schulzeit. Mit Kiran, Ergotherapeutin, Familienberaterin, ADHS-Trainerin und Mama von drei Kindern.

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Foto von Alexandra Zykunov

 

Alexandra Zykunov

Alexandra Zykunov ist Autorin, Journalistin und eine ebenso klare wie humorvolle Stimme für alle, die spüren, dass unsere Gesellschaft noch längst nicht so gleichberechtigt ist, wie wir es uns gerne einreden – und die bereit sind, genau dafür einzustehen.

Mit ihrem Buch zeigt sie, dass feministische Erziehung kein Konzept für andere ist – sondern eine tägliche Entscheidung, die jede Familie treffen kann. Sie benennt ehrlich und mit viel Selbstironie, wie tief patriarchale Muster in uns allen stecken – und was wir konkret tun können, damit unsere Kinder freier aufwachsen als wir es durften.

Alexandra verbindet ihre eigene Erfahrung als Mutter, ihre journalistische Präzision und ihren unerschütterlichen Humor mit einem klaren Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Dadurch macht sie sichtbar, was viele ahnen, aber kaum laut sagen: dass das Patriarchat nicht nur unseren Töchtern schadet – sondern genauso unseren Söhnen.

Ihre Mission: Eltern zeigen, dass feministische Erziehung keine perfekte Haltung braucht – sondern Neugier, Ehrlichkeit und den Mut, immer wieder hinzuschauen.

Insta ➡️ https://www.instagram.com/alexandra___z/?hl=en
Website ➡️ https://www.alexandrazykunov.de/

 

 

 

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